Atheistenverhör

Vorbemerkung: Leider hat dieser Steffen, der glaubte, den Atheisten was erzählen zu können, seine Predigten alle vom öffentlichen Netz genommen und versteckt sich jetzt bei Facebook, man kann seine Seltsamkeiten also nur noch per Anmeldung abfragen.

Diesmal etwas Lustiges, ein gewisser Steffen, ein strenggläubiger Jesusfan vom "Jesuskanal", der über YouTube eifrig seine evangelikalen Botschaften verbreitet, weiß ganz sicher, dass Jesus lebt und er mit seinen Fragen Atheisten bekehren kann. Gleich zu Beginn warnt er Atheisten per Insert davor, dass sie nach Betrachtung seiner zusammen etwa 15 Minuten langen sechs Filmchen keine mehr sein könnten. Anbei ein Screenshot vom Steffen aus einem Clip, wo er verkündet, warum er ein Christ ist, darauf sind dieselben begeisterten roten Ohren zu sehen, mit denen auch der deutsche r.k. Bischof Tebartz-van Elst seine Gläubigen erleuchtet. Während der Atheistenbefragung hat er diese schönen Ohren leider nicht, aber die Fragen sind trotzdem für Religionsfreie recht unterhaltsam. Wie stellt sich ein vor Glauben überquellender Fundichrist Atheisten vor? Offenbar hält er sie für weit dümmer als er selber ist ...

Wofür steht Atheismus?

Schon die Clipüberschrift trifft voll daneben: "Atheist versus Gott". Wer nicht an den Osterhasen glaubt, ist ja auch nicht gegen den Osterhasen, weil der kann ja nix dafür, dass er keine gefärbten Ostereier bringt.
Zuerst redet der Frager drei Minuten herum, dann will er wissen, wofür Atheisten stehen, mit der gewohnten Argumentation: sind Atheisten nur gegen etwas oder auch für etwas. Worauf man mit einem Gleichnis antworten kann:
Nichtraucher, die sich dagegen wehren, mitrauchen zu müssen, sind gegen was, weil sie für was sind, nämlich für eine gesündere Umwelt. Oder Antifaschisten sind gegen den Rechtsextremismus, weil sie für was sind, nämlich für Demokratie und Menschenrechte. Atheisten sind ebenfalls gegen etwas, nämlich gegen religiöse Unvernunft und für das, was Immanuel Kant als das Wesen der Aufklärung definiert hat: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Wir Atheisten glauben nicht, wir denken. Wir sind dafür, dass dies auch andere Menschen tun.

Ist der Atheismus nicht auch eine Religion?

Steffen spitzt die Frage so zu, als ob Atheisten eine Absolutheit bräuchten, er fragt, was ist für Atheisten das Wichtigste und dieses Wichtigste möchte er dann als atheistischen Gott betrachten. Hier kommt der auch von Papst Ratzinger so gehasste Relativismus zum Tragen, den Religiöse mit ihren absoluten Göttern nicht verstehen können oder verstehen wollen. Es kann natürlich sein, dass auch Atheisten zum Absolutismus tendieren und eine Art von Glaubenssätzen entwickeln. Aber das ist nicht notwendig, Atheisten können sich in ihren Weltanschauungen sehr unterscheiden. Zum Beispiel: Kein Atheist muss Marxist sein, aber er darf es, keiner muss sich der Meinung anschließen, die der verstorbene Christopher Hitchens zum Irakkrieg der USA hatte (er war nämlich für den Krieg), aber Hitchens hörte deswegen nicht auf, Atheist zu sein. Stalin glaubte an sich selber und verlangte den Glauben an ihn von allen Kommunisten, Stalin und sein System waren nicht atheistisch, sondern despotisch. Und die Nazis waren im Selbstverständnis niemals Atheisten, sogar im Konkordat von 1933 wurde festgeschrieben, dass in den katholischen Kirchen fürs Deutsche Reich zu beten sei, auf den Gürtelschnallen der Wehrmacht stand rund ums Hakenkreuz "Gott mit uns".
Zusammenfassend daher: Atheismus ist keine Religion, es gibt eine einzige Regel: wer an Götter und sonstige spirituelle Mächte glaubt, ist kein Atheist und sonst hat ein Atheist ein breites Feld für seine Wichtigkeiten.

Wo ist der Sinn im Leben ohne Gott?

Den Sinn im Leben in der Hoffnung auf ein gerechtes Gericht nach dem Tode zu sehen, wie es Steffen hier deklariert, ist offenkundig die völlig sinnlose Verschleuderung des Lebens. Den Sinn des Lebens hat man eben im Leben und nicht in der Hoffnung auf ein Jenseits. Religiöse Leute, die sich auf diesen absurden Jenseits-Sinn konzentrieren, müssen sich vor dem Tode fürchten, weil sie könnten ja auch verdammt werden. Atheisten haben keine Erwartungen. Sie lieben es klarerweise auch nicht, zu sterben, solange sie Sinn in ihrem Leben haben, aber bei Schicksalsschlägen hilft religiöser Unsinn nichts. Was der "Sinn des Lebens" ist, erwählt sich jeder Atheist eben selber. Wobei es sicherlich nicht vorkommen wird, dass Atheisten nur einen einzigen Sinn im Leben sehen, es gibt viele Dinge und Menschen, die einem wichtig sind, die einem Freude machen, die Interesse und Engagement hervorrufen, "den" Sinn als Abstraktum gibt es unter religionsfreien Menschen nicht. Die Frage nach "dem" Sinn ist sinnlos.

Wie stellen sich Atheisten den Beginn der Welt vor?

Hier kann man ganz kurz Bertrand Russell zitieren: "Wenn alles eine Ursache haben muss, dann muss auch Gott eine Ursache haben. Wenn es etwas geben kann, das keine Ursache hat, kann das ebenso gut die Welt wie Gott sein, so dass das Argument bedeutungslos wird."
Hinzufügen kann man noch, dass ein Urknall, also eine Art Superexplosion einer Art Superwasserstoffbombe, was wesentlich Einfacheres ist, als ein Gott, der unendliche Fähigkeiten haben müsste, um vom Urknall bis zum Uhrwerk alles zu planen und zu schöpfen, Gott müsste wesentlich komplexer sein als sein Produkt, schließlich ist auch ein Uhrmacher komplexer als eine Uhr.
Den Beginn der Welt einem fantastischen Überwesen in die Schuhe zu schieben, welches sich einer Erklärung noch weit mehr entzieht als ein Urknall, macht keinen Sinn. Und hinter den Urknall (oder was auch immer der Anbeginn der Zeit war) wird die Wissenschaft im Laufe der Zeit schon noch kommen.

Wo kommt unser objektives Gut und Böse her?

Hier wird ganz besonders dumm gefragt. Es gibt keine objektive Vorgabe für alle Menschen, was gut und böse ist.
Wenn ein SSler im Vernichtungslager das Giftgas in die Gaskammern leitete, hatte er genauso wenig ein schlechtes Gewissen, wie ein Katholik, der den Scheiterhaufen anzündete, auf dem Hexen oder Ketzer standen. Auch gut und böse sind relative Werte, die von Traditionen, von der Erziehung, von der sozialen Gemeinschaft geformt werden und veränderbar sind. Heute hält man es nimmer für böse, religionsfrei zu sein, aber es ist nun böse, Frauen zu diskriminieren, noch vor 50 Jahren war Glaubenslosigkeit eine böse Sache und Frauenunterdrückung eine Selbstverständlichkeit. Menschheitsgeschichtlich wurde der Spruch "was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu", zu einem Wert, der breite Akzeptanz fand, weil er evolutionär sinnvoll ist, Kooperation ist wirkungsvoller als Egoismus. Im Neoliberalismus sehen wir es seit 20 Jahren: Ein Gesellschaft, deren höchste Werte die Börsenkurse sind, bringt sich selber um. Aber es sind gerade die christlichen Parteien, die besonders neoliberal agieren.

Bonusfrage

Haarsträubend! Zuerst stellt er fünf Fragen, die sich alle recht leicht atheistisch beantworten lassen, dann kommt er mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn und fordert ein, Atheisten sollten sich so einen Gott wünschen, wie ihn Jesus in diesem Gleichnis zu beschreiben versucht hatte, also einen Gott, der auch denen verzeiht, die "ihr eigenes Ding" durchgezogen haben.
Das Gleichnis ist heutzutage im aufgeklärten Europa zutiefst albern. Auch wer sich so dumm benimmt wie der geschilderte "verlorene Sohn", muss nicht mit den Schweinen fressen, sondern hat seine soziale Absicherung. Die Arbeiterbewegung hat - besonders auch gegen den bis heute anhaltenden Widerstand der christlichen Parteien - erreicht, dass niemand mehr aus dem Schweinetrog zu fressen braucht, das gab es nur in den wahrhaft christlichen Zeiten, in Österreich zuletzt im Klerikalfaschismus ab 1933/34.
Der moderne Sozialstaat wird von den neoliberalen und christlichen Parteien zurzeit wieder heftigst bekämpft, die herrschende Klasse braucht mehr Geld für die Schulden der geplatzten Spekulationsblasen und neues Geld für neue Spekulationen, sie führt daher einen sich ständig steigernden Klassenkampf gegen die arbeitenden Menschen und gegen soziale Randgruppen. Atheisten haben keine Götter, aber politische Meinungen. Hier ist meine Meinung miteingeflossen, andere Atheisten mögen dazu andere haben. Nur die Meinung von diesem Jesus-Kanal-Steffen werden sie nicht haben. Amen.

(Technische Anmerkung: wenn der religiöse Text schriftlich vorgelegen wäre, hätte ich daraus natürlich eine PDF gemacht, aber wegen der Videos wurde es eine HTML)