Gefängniswesen boomt, aber unterschiedlich

Publiziert am 18. Dezember 2018 von Wilfried Müller auf www.wissenbloggt.de

Ein paar Meldungen zur incarceration industry zeigen unterschiedliche Trends. In den USA sind so viele Menschen weggesperrt wie sonst nirgends in der Welt. In Russland auch, aber der Trend geht nach unten. Und in Deutschland legen speziell die Ausländer zu (Bild: Clker-Free-Vector-Images, pixabay).

Im Einzelnen: Die USA führen die Liste der prison population rate an, das ist die Anzahl Gefangene pro 100.000 der Bevölkerung. Die Zahl wird mit 655 angegeben (WPB, siehe unten Medienlink 1, vor zwei Jahren auch schon mal mit 693, wb-Link noodle). Das entspricht zwei Millionen Gefangenen landesweit (zuvor 2,1 Millionen). In den USA ist das Gefängniswesen zum profitablen privaten business geworden ("incarceration industry"). Drei Konzerne mit starker Lobby und hohen Wahlkampfspenden beherrschen das Riesengeschäft mit dem privatisierten Gefängnismarkt – die Gefängnisse sind voll (wb-Link Ignoranz).

In Russland auch, aber da geht der Trend stärker nach unten. Mit 394 / 100.000 liegt Russland in der aktuellen WPB-Liste auf Platz 17 (vorher mit 451 auf Platz 10). In Russland gibt es "nur" noch 567.000 Gefangene (100.000 davon Untersuchungsgefangene) nach 650.000 vor 2 Jahren. Über das "Rekord-Tief" freut sich ein RT-Artikel (Medienlink 2).

In Deutschland sind die Zahlen viel weniger schlimm. Bei uns sind nur 76 von 100.000 Einwohnern eingesperrt (selbe Zahl wie vor 2 Jahren). Damit liegt Deutschland auf Platz 169 (nach 167) von 222. Daraus ergeben sich ca. 62.000 Gefangene. Laut Statistischem Bundesamt waren es im März 2018 allerdings nur 50.957 Häftlinge, entsprechend 62 pro 100.000. Andere Quellen geben auch 90 an – man ist sich nicht ganz einig. Immerhin sind dem Statistischen Bundesamt zufolge 16.267 Ausländer unter den Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten, also ein Anteil von 32%, wie die Welt berichtet (Medienlink 3).

Zwischenbemerkung atheisten-info: Am 1.12.2018 gab es in Österreich 9.231 Strafgefangene, das sind pro 100.000 Einwohner 105. Die Herkunft verteilt sich so: 45,5 % sind österreichische Staatsbürger, 18 % sind EU-Bürger, 36,5 % sind von woanders. Etwa 22 % sind Muslime. Der Ausländeranteil an der österreichischen Bevölkerung beträgt knapp 16 %, Ausländer sind darum in den Haftanstalten mit insgesamt 54,5 % im Vergleich zum Bevölkerungsanteil fast dreieinhalbmal soviel. Die Zahl der Muslime wird auf etwa acht Prozent geschätzt, also sind es in den Haftanstalten auch das Dreieinhalbfache. Wie eine ältere Statistik von 2014 zeigt (neuere wurde keine ergoogelt) lag damals der Anteil von Asylwerbern bei angezeigten Straftaten bei 4,2 %, der Bevölkerungsanteil lag damals nur bei 0,25 %. Wozu man wieder anmerken kann: Kein Wunder, dass Österreich eine rechtspopulistische Regierung hat, weil solche Dinge beunruhigen die Bevölkerung erheblich und die linken unpopulistischen Parteien ignorieren das ständig und sind darum die besten Wahlhelfer für ÖVP & SPÖ.

Das ist eine Zunahme um 5% gegenüber dem Vorjahr, was sich wohl durch den Zuzug erklären lässt. Aber 32% inhaftierte Ausländer gegenüber einem Ausländeranteil von 12% ist doch ziemlich viel. Auch wenn der Anteil von jungen Männern – also der kriminellsten Bevölkerungsgruppe – höher ist als in der Gesamtbevölkerung, ist das keine schöne Zahl (siehe auch Mord&Totschlagsstaistik im wb-Link Einzelfälle).

Kein Vergleich mit den US-Zahlen, das US-System sperrt 10-mal mehr Menschen ein als das deutsche. Auch wenn man da differenzieren muss. Die US-Justiz steckt ihre Verdächtigen schnell ins Gefängnis, während die Untersuchungshaft in Deutschland nicht so leicht verhängt wird (wb-Link Folter). Unterschiede gibt's auch zwischen den Bevölkerungsgruppen: Schwarze werden mit 50% höherer Wahrscheinlichkeit eingesperrt, Latinos mit 70% höherer und Arme mit 61% höherer Wahrscheinlichkeit (Medienlink 4).

Das liegt nun wieder an den drakonischen Strafen für minimale Drogen-Vergehen, und der Drogenhandel ist eine der Haupteinnahmequellen für die Unterschicht (wb-Link Ignoranz). Die Zahlen stammen aus einem Bericht der millionenschweren FWD-Lobby-Gruppe, zu der auch Mark Zuckerberg und Bill Gates gehören. Die Gruppe wurde 2013 gegründet, um "das kaputte US-Einwanderungssystem zu reparieren" (es ging wohl eher um Hochqualifizierte als um Armutsimmigranten). Jetzt heißt das Motto Reforming Our Immigration and Criminal Justice Systems (Medienlink 5).

Dazu haben sie sich ziemlich reißerische Sprüche ausgedacht: Jede zweite Familie ist von den Inhaftierungen betroffen. Every second adult in America has had an immediate family member incarcerated. And every second spent in jail or prison is a second lost at home.

Ein Wortspiel mit second, das Sekunde oder zweite bedeutet. Jeder zweite ist betroffen, und jede Sekunde zählt. Ob das zielführend ist? Zumal die Zahlen divergieren, nach FWD sind es 1,5 Millionen Inhaftierte. Das wären dann nur noch 490 pro 100.000 und das würde die USA auf Platz 8 bei der prison population rate zurückfallen lassen. Damit wären sie bald im Bereich der russischen Zahlen, über die man sich dort freut.

Was bedeutet FWD? Die Antwort ist überaschend banal, es ist eine Art Abkürzung von vorwärts - "forward" - auf deutsch hieße der Verein wohl VWT oder VWS...

Medien-Links:
1. Highest to Lowest – Prison Population Rate (prisonstudies, World Prison Brief WPB).
2. Number of prisoners in Russia hits record low (RT Russia Today 14.12.): Currently, 467,000 people are serving jail terms, which is the lowest number in modern Russian history. … Apart from that, some 100,000 are in pre-trial and police custody,
3. Deutsche Gefängnisse – Fast jeder dritte Häftling ist inzwischen Ausländer (Welt 12.12.): Die Zahl der ausländischen Häftlinge ist weiter gestiegen. … Inzwischen ist fast jeder Dritte (32 Prozent) der insgesamt 50.957 Häftlinge Ausländer. Dieser Anteil ist im Vergleich zum Ausländeranteil in der Bevölkerung überproportional hoch.
4. Incarceration disproportionately impacts people of color and families who are low-income (Zero Hedge 14.12.):
Black adults are 50% more likely,
Latino adults are 70% more likely,
Adults with household incomes less than $25.000 per year adults are 61% more likely.

5. Every Second – The Impact of the Incarceration Crisis on America’s Families (FWD.us and Cornell University 12/18): For too long, our broken immigration and criminal justice systems have locked too many people out from the American dream. On any given day, there are more than 1.5 million people behind bars in state or federal prisons in the United States. Admissions to local jails have exceeded 10 million each year for at least the past 20 years.