2008 erreichten bei der Nationalratswahl FPÖ und BZÖ zusammen 1,379.961 Stimmen
(17,54 und 10,70 Prozent, in Summe 28,24). Beide Parteien hatten sich an die
Unzufriedenen, an die Protestwähler, an die Xenophoben gewandt und konnten zusammen
ein Stimmenplus von 666.824 gegenüber 2006 einsammeln. FPÖ-Chef
Strache wähnte noch weitere Steigerungsmöglichkeiten zu kennen.
Er dachte
dabei wohl an xenophobe ÖVP-Wähler und setzte bei den EU-Wahlen 2009 auf antiislamische
Christen. "Abendland in Christenhand" lautete seine Botschaft.
Was für einen Teil der FPÖ-Wählerschaft offenbar eher abschreckend wirkte. Die
FPÖ verlor 4,83 Prozent und konnte auch von den 6,12 % Verlusten des BZÖ nichts
einheimsen, die beiden rechtsrechten Parteien verloren zusammen 10,95 %. Da
die Wahlbeteiligung bei den EU-Wahlen deutlich niedriger war als bei der NRW,
büßte man von den o.a. fast 1,4 Millionen Stimmen gleich 884.542 ein, die beiden
Rechtsparteien verloren also rund Zweidrittel ihrer Wähler von 2008, großteils
an die Nichtwähler. "Abendland in Christenhand" war kein Erfolgsslogan.
Der Spruch hört sich an, als habe ihn ein geistiger Nachfahre vom Dollfuß erfunden.
"Christenhand"
Strache
Strache versuchte es darum 2010 andersrum.
Bei der Bundespräsidentenwahl
stellte die FPÖ mit Barbara Rosenkranz eine Kandidatin auf, die so traditionell
dem "dritten Lager" zuzuordnen war, dass sie sogar eine eidesstattliche
Erklärung abgeben musste, nicht für die Abschaffung des NS-Verbotsgesetzes zu
sein. Der Wahlerfolg mit dieser Variante war auch bescheiden, ca. 450.000
Leute wählten Rosenkranz, das mögliche Wählerspektrum für rechtspopulistische
Parteien wurde wieder nur ca. zu einem Drittel ausgeschöpft, Gleichzeitig zeigte
sich mit der Kandidatur des Herrn Gehring von der "Christenpartei",
dass das Lager der als "Christen" ansprechbaren Leute sehr gering
ist. Obwohl die ÖVP als traditionelle Partei der christlichen Wähler keinen
Kandidaten aufgestellt hatte, kam Gehring nur auf bescheidene fünf Prozent.
Man müsste als Beobachter nun eigentlich denken, "Christenhand" Strache könnte daraus gelernt haben, dass weder christliche noch deutschnationale Ideologien Wählermassen zur FPÖ locken. Strache ist jedoch politisch ein schlichter Denker. Weil es mit dem Rosenkranz-Deutschnationalismus danebengegangen ist, will er es nun wieder "christlich" probieren.
Am 27. Mai 2010 verkündete er die Gründung der "Christlich-freiheitlichen Plattform"! Das christlich-abendländische Wertesystem sei in Gefahr. Weltwirtschaftskrise, islamistischer Terrorismus und Massenzuwanderung stellten eine immer größere Bedrohung dar. Daher müsse das christlich-freiheitliche Europa über die Grenzen der EU hinaus "den Erhalt und die Förderung seiner Grundwerte, die in der christlich-abendländischen Kultur und Identität verwurzelt sind, sicherstellen". In der neuen Plattform sollen sich "freie und stolze Europäer und freiheitlich gesinnte europäische Gruppierungen" organisieren. Migranten aus dem Osten und dem Südosten hätten sich hervorragend integriert, diese Zuwanderer bekennten sich in ihrer neuen Heimat Österreich zu einem christlichen Europa, die FPÖ habe beste Kontakte zur Orthodoxen Kirche. Als Plattform-Präsident wurde der serbische Theologe Konstantin Dobrilovic präsentiert.
Wird die FPÖ jetzt eine christliche Migrantenpartei? Wen werden hinkünftig die deutschnationalen Rosenkranzwähler wählen wollen? Schließlich waren die Burschenschaften und das "dritte Lager" ja eigentlich immer eher distanziert zur christlichen Religion gewesen, Schönerer, der österreichische Urvater der Deutschnationalen hatte sogar Kirchenaustritte organisiert.
Man kann gespannt sein, was bei diesen freiheitlichen Pendelbewegungen zwischen diesen politischen Randgruppen herauskommt. Rund eine Million Protestwähler, Unzufriedene, Frustrierte, die sich ungerecht behandeln fühlen, sind weder auf die eine, noch auf die andere Ideologie heiß. Sie bräuchten eine Partei, die sich um ihre Sorgen und Probleme kümmert. Es ist sicher gut, wenn es nicht die FPÖ ist, die ihnen Heimat bietet, aber es wäre wesentlich besser, wenn es eine andere Partei täte. Die SPÖ wäre eigentlich die zuständige Partei. Aber die vergisst immer wieder darauf, woher sie kommt und wofür sie seinerzeit gegründet worden ist ...