Islam im Untergang?

Manche Leute, die sich das Banner von Toleranz und Weltoffenheit umgeschnallt haben, erleben ihre persönliche Heiligung zurzeit dadurch, jede Kritik am Islam vorerst einmal als rechtsextreme Ausschreitung zu verurteilen. Darum macht es einem Atheisten, der keine Bedürfnis danach hat, der vorgestrigsten der großen Religionen aus eigenverherrlichendem Toleranzfanatismus die Füße abzuschlecken, Freude, die Meinung eines Menschen verbreiten zu können, der als Sohn eines Imams in Ägypten geboren wurde, 1995 nach Deutschland kam und sich für einen Reform-Islam einsetzte, wofür nach der Veröffentlichung seines Buches "Mein Abschied vom Himmel" gegen ihn eine Fatwa erlassen wurde und er unter Polizeischutz stand.

Darum hier ein paar aktuelle Aussagen von Hamed Abdel-Samad!

Hamed Abdel-Samad fragt, ob es wirklich nur die westlichen Medien und Leute wie Thilo Sarrazin seien, die "antimuslimische Ressentiments" schürten, oder ob es an einer Atmosphäre fehle, in der ehrliche Kritik zulässig ist und die frei ist von "Stimmungsmache, Apologetik und Überempfindlichkeit".
(Foto: Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0 via Wikimedia Commons)

Zu Sarrazin:
"Ich glaube nicht, dass das Buch von Thilo Sarrazin erfolgreich war wegen den Ängsten, sondern weil er Probleme angesprochen hat, die totgeschwiegen waren". "Sarrazin war nicht der erste, der über solche Sachen gesprochen hat, aber er war der erste, der in dieser Intensität all diese Probleme in einem Bündel behandelt hat, und deshalb hat er einen Nerv getroffen." Samad ist sehr enttäuscht über die Art und Weise, wie die Debatte danach verlaufen ist. "Sarrazin hat nur ein Buch geschrieben, er ist kein Verbrecher, er ist kein Rassist. Man hätte mit ihm unverkrampfter diskutieren können." Sarrazin sei ein Schwarzseher, Deutschland schaffe sich nicht ab, verändere sich aber, was gut sei, die Debatte über Sarrazins Buch sei "hysterisch".

Zum aktuellen Islam: Dieser "mag er in seinem jetzigen Zustand alles Mögliche sein, nur eines ist er meines Erachtens gewiss nicht: Er ist nicht mächtig. Er ist im Gegenteil schwer erkrankt und befindet sich kulturell als auch gesellschaftlich auf dem Rückzug. Die religiös motivierte Gewalt, die zunehmende Islamisierung des öffentlichen Raums und das krampfhafte Beharren auf der Sichtbarkeit der islamischen Symbole sind nervöse Reaktionen dieses Rückzugs. Ich bin kein Empiriker, auch kein Statistiker, ich arbeite mit meinen Augen und meinen Ohren, ich beobachte, was in der islamischen Welt seit Generationen passiert und stelle fest: Die islamische Welt ist Schlusslicht, was Bildung und Wissenschaft angeht in dieser Welt, was die Einhaltung von Menschenrechten betrifft, vor allem von Frauenrechten. Keine Kultur kann im Zeitalter der Globalisierung sich so etwas leisten. Deshalb prophezeie ich auch den Untergang der islamischen Welt. Es kann sein, dass der Westen die islamische Welt lange kolonialisiert hat und heruntergewirtschaftet hat. Das hat das Osmanische Reich auch in Bezug auf Europa. Die Muslime haben auch Europa kolonialisiert. Das heißt, wer die Macht hat, diktiert. Und keiner hat die Macht, das Schicksal der Völker für ewig zu bestimmen. Irgendwann müssen sie das Heft in die Hand nehmen, Selbstkritik üben und sich selbst fragen, was können wir selbst tun. Und nicht, was haben die anderen immer falsch gemacht."

Das neue Buch von Samad heißt "Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose", er schreibt über Kränkungen, Ressentiments und falsche Feindbilder, über Herrschaftstreue, verlogene Sexualmoral und verankertes Stammesbewusstsein, über eine archaische Kultur der Ehre und des Widerstands, die die islamischen Gesellschaften präge, über Rückständigkeit, Orientierungslosigkeit und Innovationsfeindlichkeit.

Die islamische Welt wäre vor vierzig Jahren schon viel weiter gewesen, die Prozesse der Modernisierung sind wieder zurückgenommen worden, der Minirock wurde durch den Schleier ersetzt. Laut eines Berichts des World Economic Forum seien eine halbe Milliarde muslimischer Frauen Opfer von Diskriminierung, Unterdrückung und Gewalt.

"Der Islam ist nicht reformierbar, weil er mit Konstruktionsfehlern, mit Geburtsfehlern ausgestattet wurde. Es ist sehr schwierig Islam, Religion und Staat zu trennen, ich setze auf Menschen, nicht auf Texte. Die Texte kann man nicht reformieren. Aber die Geisteshaltung der Menschen gegenüber diesen Texten kann man reformieren. Wenn wir uns einig sind, dass der Koran nicht das Wort Gottes ist, das für unser Leben Anweisung gibt und auch für die Gesetzgebung, sondern ein menschliches Konstrukt ist, das für die Bedürfnisse einer vormodernen Gemeinde im 7. Jahrhundert entstanden ist - wenn die Muslime diese Tatsache akzeptieren können, dann beginnt die Reform."

Hamed Abdel-Samad sieht sich als Ketzer, der nicht mehr an die Reformierbarkeit der islamischen Welt glaubt, jedenfalls nicht, solange diese strikt am Koran als sakrosankter Grundlage festhält. Er will deshalb einen postkoranischen Diskurs: "Was von der islamischen Geschichte des Denkens übrig geblieben ist, ist meines Erachtens der intellektuelle Schaum einer unversöhnlichen Orthodoxie, und der kann nicht länger in der modernen Welt bestehen." Er fordert einen aufgeklärten Islam, ohne Scharia und Dschihad, ohne Frauen-Diskriminierung, Autoritätshörigkeit und Missionierungseifer. Er fordert "die Trennung von Religion, Stammesbewusstsein und politischer Macht" und die Verabschiedung alter Feind-, Welt- und Gottesbilder.

Sein Buch erscheint immerhin auch in seinem Heimatland Ägypten. Vielleicht entwickeln sich auch in Ländern mit islamischer Religion Diskussionen wie im Europa der Aufklärung. Dringend notwendig wäre es. Und es würde auch den Toleranzfanatikern hierzulande, die den Islam wegen seiner Funktion als Migrantenreligion tagtäglich heilig sprechen, keinesfalls schaden, Samads Buch zu lesen. Aber aus dieser Ecke wird es wohl sogleich tönen, Samad sei dasselbe wie ein antisemitischer Jude, ein Selbsthasser und in Europa hätte man dem vorgestrigen Islam mit größter und kritikloser Toleranz unterwürfig zu begegnen.

Was wohl eine Fortsetzung im linken Heiligenkalender ist. In der 68er-Zeit gelangten die Sucher nach Selbstverwirklichung nach links und glaubten an Marx, Trotzky oder Mao Tse Tung und bewarfen sich gegenseitig mit Zitaten aus den jeweiligen heiligen Büchern. Diese Heiligen verwelkten, dann waren es die aussterbenden Wälder, die auf den Altar kamen, mit der Zunahme der Wanderungsbewegungen erhielten die Migranten den Gottesstatus und auf diesem Gebiet leuchtet jetzt die Gottheit der bedingungslosen Islamtoleranz. In Laufe von vierzig Jahren wurden aus der heiligen Arbeiterklasse die heiligen Einwanderer. Wodurch sich vielleicht der Kreis zum katholischen Konservatismus schließen lässt. Dort ist auch der Relativismus eine teuflische Sache und das Anklammern an die das eigene Selbst verherrlichende von Diskussionsverboten geschützte absolut heilige persönliche Wahrheit das Bestimmende.
Weit hat es die Linke gebracht.