Schönborn schießt schärfer

Überraschend steigert sich der österreichische Oberbischof Schönborn jetzt langsam in seiner Aggressivität gegen die ungehorsame Priesterinitiative. Bisher überließ er das Verbellen der Rebellen meist dem Grazer Bischof Kapellari und er pflegte seine salbungsvolle Sanftmütigkeit, die man 1:1 als Vorführmodell für die Beantwortung der Frage "Was ist Heuchelei?" verwenden könnte.

Im Kurier vom 1. Juli 2012 stand nun zu lesen, wie Schönborn dem vatikanischen Gaul, der die Pfarrerinitiative niederreiten soll, die Sporen zu geben versucht.

Unter der Überschrift "Schönborn warnt vor Kirchenspaltung" lässt der Kurier wissen, die Redaktion habe ein Papier des Priesterrates zugespielt erhalten, worin der Kardinal vor einer Kirchenspaltung warnt. Bereits zehn Prozent der rund 4.500 Priester in Österreich seien Mitglieder der Pfarrerinitiative des Probstdorfer Pfarrers Helmut Schüller und forderten u.a. die Aufhebung des Zölibats, Laienpriester und die Akzeptanz der Wiederverheiratung von Geschiedenen. Dass Schönborn die Bestellung von Mitgliedern der Pfarrerinitiative zu Dechanten untersagt hat, ist ja schon bekannt (siehe Info Nr. 937), laut dem Papier des Priesterrates wurde es aber nun doch noch schärfer.

Schönborn dürfte vor allem von der öffentlichen Darstellung der Pfarrerinitiative in Ratzingers Gründonnerstagspredigt zum Zähnefletschen motiviert worden sein, der Kurier zitiert aus dem Papier des Priesterrates: "Es ist außergewöhnlich, dass der Papst in einem feierlichen Rahmen ein europäisches Land anspricht und so detailliert auf die Situation eingeht. Die Predigt ist um die ganze Welt gegangen. Wir sind hier nicht in unserer Ortskirche, sondern im Glashaus der ganzen Welt. Wir werden sehr genau beobachtet. Wir können nicht mehr so tun, als hätte der Papst nicht Stellung bezogen." Zum Gründonnerstag siehe Info Nr. 819, der eigentlich eher sanft klingende Ton Ratzingers war demnach keineswegs sanft gemeint.

Helmut Schüller hatte dazu geäußert: "Das Tauziehen ist nicht das Problem, sondern das Ringen um die Wahrheit." Weiter: "Unsere Themen sind in vielen Ländern genauso präsent. Wir sind Problemmelder, nicht Ursache. Ich glaube nicht, dass die Diözese Wien eine Lösung finden kann." Und: "Wir wollen nicht aus dem Boot aussteigen, aber wir wollen von der Ruderbank aufstehen und über den Kurs reden."

Das reichte Schönborn: "Was ihr hier aufbaut, ist eine Sonderstruktur. Ich sehe die Gefahr eines Schismas."

Der Vorwurf der Kirchenspaltung, eines Schismas,
also nicht eine Art fraktioneller Spaltung, sondern die Vollziehung der Trennung von der Kirche, ist kirchenrechtlich sehr schwerwiegend, denn ein Schisma zieht die Exkommunikation, den Ausschluss von den Sakramenten und aus der kirchlichen Gemeinschaft nach sich.

Im vatikanischen Gesetzbuch Codex Iuris Canonici (CIC) heißt es im 751 zu den drei Varianten des Abfalls vom wahren katholischen Glauben: "Häresie nennt man die nach Empfang der Taufe erfolgte beharrliche Leugnung einer kraft göttlichen und katholischen Glaubens zu glaubenden Wahrheit oder einen beharrlichen Zweifel an einer solchen Glaubenswahrheit; Apostasie nennt man die Ablehnung des christlichen Glaubens im ganzen; Schisma nennt man die Verweigerung der Unterordnung unter den Papst oder der Gemeinschaft mit den diesem untergebenen Gliedern der Kirche."

Dazu noch 754: Alle Gläubigen sind verpflichtet, die Konstitutionen und Dekrete zu befolgen, welche die rechtmäßige Autorität der Kirche zur Vorlage einer Lehre und zur Verwerfung irriger Auffassungen erlässt, vor allem aber solche des Papstes oder des Bischofskollegiums.

Im 1364 steht die Strafe: Der Apostat, der Häretiker oder der Schismatiker ziehen sich die Exkommunikation als Tatstrafe zu (..) Wenn andauernde Widersetzlichkeit oder die Schwere des Ärgernisses es erfordern, können weitere Strafen hinzugefügt werden, die Entlassung aus dem Klerikerstand nicht ausgenommen.

Helmut Schüller kennt den CIC auch. Leider ist auf der Homepage der Pfarrerinitiative nur recht selten was Neues zu finden, man vermeidet es offenbar, sich öffentlich zum laufenden Geschehen festzulegen. Hilfreich ist die Pfarrerinitiative für die katholische Kirche in Österreich nicht, weil sie wird ihre Anliegen unter Päpsten wie Ratzinger nicht einmal in die innerkirchliche Diskussion einbringen können, aber sie ist lästig und das ist gut. Für uns Religionsfreie ist es klarerweise egal, ob der sozusagen "richtige" Jesus der vom Ratzinger oder der vom Schüller ist, aber es hat alles einen gewissen Unterhaltungswert.